Katharina Teichgräber: Über die Notwendigkeit, sich im Bett umzudrehen - Gespräch mit Alexander Kluge über einen ungedrehten Film zum "Mann ohne Eigenschaften" - 02.01.2009

Bayern 2 (Podcast) 02.01.2009 01:05 Uhr, Dauer: 58:00

Mit Katharina Teichgräber, Alexander Kluge, Marianne Kiss, Stefan Gabanyi, Sophia Bieräugel / Realisation: Katharina Teichgräber / BR 2004 /Länge: 57'45 // Ulrich! ...Tausende von Dünndruckseiten eines Romans. Und er bleibt doch unbestimmt! Ist Ulrich willenlos? Er scheint kaum in der Lage, seine eigene Wohnung einzurichten. Für eine Geliebte kann er sich schon gar nicht entscheiden. Aber in den Augen dieses Mannes - angeblich ohne Eigenschaften - spiegelt sich die Welt des 20. Jahrhunderts. Was sich in ihm alles zusammenfasst geht nur schwer in einen Roman, fand Robert Musil. Denn nichts, so der Schriftsteller, sei in der Literatur so schwer darzustellen wie ein denkender Mensch. Ein Problem im Sinne des Zeitaufwandes ist auch die Lektüre des Werks durch heutige Leser – „ungefähr bis zur Hälfte des ersten Bandes bin ich gekommen“. (In Wirklichkeit etwas weniger: nur bis zum Kapitel, wo General Stumm von Bordwehr „Ordnung in den Zivilverstand“ bringen will.) Um also die Zeit der Konsumenten zu sparen, drehen wir einen Film, circa 80 Jahre nach Entstehung des Buchs. Regisseur: Alexander Kluge. Zeigen wir Ulrich in seinem Schlößchen, Wien 1913? Er geht aus, trifft auf diese oder jene Dame, eine bildsatte Gesellschaft, übernimmt die Funktion eines politischen Durchlauferhitzers. Ironischer Kältegrad etwa von Horst Buchholz in Felix Krull. Ereignisse wären zum Beispiel: Testamentsfälschung, Irrenhausbesuch, Waffenhändler, deutschtümelnde Studentenverbindung, Geschwisterinzest, Serienkiller. Kommt zwar alles im Roman vor, würde ihn aber kaum übersetzen. Ulrich wäre empört, der Geschichte zum Stoff zu dienen. Er bewegte sich wenig, auch die Welt um ihn war träge: beinahe stehende Bilder! Wahrnehmen, Denken, stundenlang Reden - zu viel mehr kam es nicht in seinem aktionsarmen Leben. (Nur in seltenen Momenten hielt er dies für einen Mangel.) Als heutiges Filmprojekt also eine Herausforderung! Und im Büro des Produzenten fällt natürlich sofort der Satz, Kino müsse „Geschichten erzählen“....Dieser Ulrich!... „hat keine Eigenschaften, und eine Handlung gibt’s auch nicht, der Film hat keinen Anfang, kein Ende und einen Mittelteil schon gar nicht!“ Der Glaube an den Erfolg läßt sich durch solche Argumente nicht erschüttern.

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